Der Autor befasst sich mit dem Lebensbezug von Himmelsvorstellungen, wie sie in altorientalischen Schriftquellen, völkerkundlichen Phänomenen und im religiösen Brauchtum vorkommen. Ein weiterer Themenschwerpunkt ist die jeweilige Grundsteinlegung, welche die verschiedensten Elemente der Heiligung von Anfängen, Übergängen und existentiellen Schwellensituationen enthalten kann. Die Wahl der glücklichen Sternkonstellation ist genauso wichtig die ideelle Reinigung der Baugrube, oder die Weihe des ersten Steins. Die Rituale variieren zwar ihre äußere Form, verlieren jedoch nie ihre transzendierenden Bezüge.
Die Zahlensymbolik der Sieben
Die geradezu hymnisch-mystische Wertung der Sieben – sie gilt bis auf den heutigen Tag – gründet sich nicht allein auf die Zählung einiger heller leuchtenden und sich bewegenden Himmelskörper. Die Sieben „bringt die Form der gesamten Welt zum Ausdruck", sie „beherrscht die Welt als Ganzes" (RÖSCHER 1913, S.1.). Sie offenbart sich uns „unmittelbar im Kosmos" (BOLL 1913, S. 15). Sie bezeichnet eine „gottverordnete Periode", die am Himmel vorgeschrieben ist, einen „gottgeordneten Zeitabschnitt", der sich harmonisch in die Weltzeit eingliedert (HEHN 1907, S. 63, 88). Die Sieben ist „die eigentliche Hauptzahl der Zeitrechnung überhaupt" (BOLZ 1913, S. 21), eine „kosmisch-astronomische Ordnungszahl" (DINKLER-VON SCHUBERT 1990, Sp. 154). „Die kosmische Ordnung ist auf Siebenheit angelegt" (KERKHOFF 1973, S. 264). Sie ist ein numerus perfectus et sacratus, eine vollkommene und geheiligte Zahl (MEYER /SUNTRUP 1987, Sp. 480).Das Rätsel dieser Siehener-Emphase löst sich, zumindest ansatzweise, mit dem Blick auf den Mond und sein monatliches Schicksal. Jeweils sieben Tage vergehen zwischen Vollmond, abnehmendem Halbmond, Neumond, zunehmendem Halbmond und wieder Vollmond. Die Periode von Vollmond zu Vollmond umfallt vier mal sieben Tage. Das ist eine Ganzheit, die immer wieder vergeht und immer wieder neu entsteht. Die Sieben als eine „Mondzahl" (HEHN 1907, S. 61) ist die Zahl des Ablaufs der Zeit, der Ruhe und der Fülle. Vielleicht haben die Menschen am Gegenstand der vier siebentägigen Mondphasen die Anfänge des Zählens gelernt, vielleicht hat ihnen der Nachthimmel die ersten Begriffe von kosmischer Ordnung vermittelt: Die Idee eines vollkommenen, in sich abgeschlossenen Ganzen, das sich dauernd bewegt. Der Mond verkündet der Menschheit das „Naturgesetz der sieben Tage" (HEHN 1907, S. 129). Und weil das rundum auf der Erde erlebt wird, rühmen alle Völker der Erde die Sieben. Die Antike kannte die Sieben Hügel Roms, die Sieben Weltwunder, die Sieben Weltreiche, die Sieben Weisen aus dem Anfang der griechischen Philosophie, den siebenzackigen Strahlenkranz des Sonnengottes Apoll. Die Menschen entdeckten die sieben Töne der Tonleiter, die sieben Saiten der Leier, die sieben Vokale des (griechischen) Alphabets, die sieben Farben des Regenbogens, die sieben Sphären der Weltharmonie (DORNSEIFE 1925, S 12, 81 f.). Die Sieben bezeichnet den „Vollendungsaspekt des Seienden", sie ist eine „Ganzheit und Heil versprechende Macht" (KERKHOFF 1973, S. 262f.). Buddha umwandelte siebenmal den Bodhibaum, ehe er sich zur Meditation unter ihm niederließ, die Muslime umkreisen siebenmal die Kaaba in Mekka. Sieben Glücksgötter agieren im japanischen Volksglauben. Und noch als Kind des 20. Jahrhunderts lernte der Autor dieses Buches: „Wer will guten Kuchen backen, der muss haben sieben Sachen". Das Bedeutungsspektrum der Sieben wird „in seinem Umfang von keiner anderen Zahl übertroffen" (MEYER / SUNTRUP 1987, Sp. 481).Das erstaunlichste Phänomen dieser kosmischen Strukturzahl ist jedoch ihre Existenz in biologischen Prozessen. Der Mensch entwickelt sich in Stufen von jeweils (rund gerechnet) sieben Jahren. Die Zeit- und Geschehenssprünge ereignen sich am deutlichsten in der Kindheit und der Jugend, sie finden dann so etwas wie einen ersten Abschluss in der vierten der Siebenjahresperioden, zwischen 28 und 30. Die Übergänge des späteren Lebens verlaufen weniger dramatisch, sie sind aber dennoch oftmals von gravierender Schicksalhaftigkeit. Griechische Philosophen und Ärzte haben als erste von den sieben Lebensjahre umfassenden Lebensaltern gesprochen. Solon und Hippokrates (1. Jahrhundert v. Chr.) formulierten die Hebdomadentheorie: mit sieben Jahren der Zahnwechsel, mit 14 die Pubertät, mit 21 der Bartwuchs, mit 28 die stärkste körperliche Kraft, mit 35 Heiraten und Kinderzeugen usw. (Böll 1913, S. 26; ROSCHER 1913, S. 9). Philo von Alexandrien (1. Jahrhundert) brachte die Beobachtung von den Phasen des Lebens, in denen sich der körperliche und geistige Zustand des Menschen völlig verändert, auf die Worte: Zu Ende des ersten Jahrsiebts kommen an Stelle der Milchzähne die richtigen Zähne, zu Ende des zweiten tritt die Geschlechtsreife ein, im dritten sprosst beim Mann der Bart, das vierte ist die Blütezeit des Lebens, das fünfte ist der Zeitraum der Verehelichung, das sechste bringt die Reife des Verstandes, das siebente die Veredelung der Seele durch die Vernunft, das achte die Vollendung von Verstand und Vernunft, das neunte die Zähmung der Leidenschaften und infolgedessen Gerechtigkeit und Milde. Im zehnten ist es am besten zu sterben, da in dem darüber hinaus liegenden Alter der Mensch nur ein gebrechlicher und unnützer Greis ist (nach ENDRES/SCHIMMEL 1996, S. 143). Die Sicht auf die Wandlungen des Menschen im Siebenerrhythmus ist nicht abstrakte Denkfigur phantasiebegabter und imaginationsfreudiger Phantasten: Sie ist Erkenntnis des Wirklichen.(...)Der Saturn scheint in ein solches Energiefeld eingebunden zu sein, das auf der Erde bestimmte Befindlichkeiten auslösen kann. In vier Phasen von jeweils sieben Jahren (genauer: von 7, 34 Jahren) umrundet er die Sonne und durchläuft damit den gesamten Tierkreis. Auf seinem Weg tritt er (wie gesagt: rund gerechnet) alle sieben Jahre in Beziehung zu seinem Ausgangspunkt auf der Projektionsfläche des jeweiligen Geburtshoroskops. Zweimal wirft er während dieser Zeit ein Quadrat zu dem Ort, wo er am Tag der Geburt des Individuums gestanden hat, einmal tritt er in eine Opposition, schließlich überfährt er seinen Anfangsort in einer Konjunktion. Mit den beiden Quadraten sind zeitlich unmittelbar zwei Trigone verbunden, einmal nachfolgend, ein andermal vorangehend. Jeder dieser Augenblicke der Veränderung einer Grundsituation ist vom anderen rund sieben Jahre entfernt – das ist das Maß der bereits sehr früh beobachteten Entwicklungsschritte der Lebensalter!Die vier Saturnaspekte rufen solche Veränderungen natürlich nicht hervor, aber sie beeinflussen vielleicht Dispositionen, die die Auslösung biologischer Programme erleichtern, befördern oder verzögern, und dies in jeder Phase auf andere Art. Dem Gewicht der Aspekte und ihrer zeitlichen Stellung entspräche dann die Tiefe des Geschehens. Den ersten Wechsel von einem Saturndurchlauf zum anderen erlebt. der Mensch heute normalerweise als eine besondere persönliche Krisen- und Umbruchszeit. In das Lebensalter, das zum erstenmal unter dem Aspekt „Saturn Konjunktion Saturn" steht, fallen für viele – heutige – Menschen die Geburt des ersten Kindes, aber auch Ehescheidungen (der Steinzeitmensch starb in diesem Alter). Volkstümliche – heutige – Erfahrung besagt: Eine Ehe, die vor 28-30 geschlossen wurde, wird danach entweder wieder neu begründet oder aufgelöst. Sprichwörtlich geworden ist das siebente Ehejahr als das „verflixte" siebte Jahr. (....) Schon immer galt: Wenn die Gestirne wieder an den Ort ihres Ausgangs zurückkehren, beginnt ein schicksalhaft neues großes Jahr (STROBEL 1987, 5. 1078). All das ist nicht an Regeln gebunden, jedes Individuum erfährt seine Lebenslinie in einer eigenen Ordnung.Seriöse Forschung steht, um mit Fontane zu reden, vor einem weiten Feld. Aber eine Hypothese, auf uralte Erfahrung gegründet, darf formuliert werden: Kosmische Rhythmen walten am Himmel und auf der Erde. Der Blick nach oben, der ihnen nachspürt, ist wohl die älteste und elementarste Form der Erkundung von Leben, die älteste Form auch des Wunsches zur Bewältigung von Zukunft. Alles um die Meisterung des Lebens bemühte Verhalten lebt aus dem Kontakt mit einer Zone des Seins, die wir Himmel nennen, und aus der Begegnung mit einer Kraft, die oben und unten wirkt. Aber zugleich hat dieser seltsame, unfassbare, allein intuitiv erfahrbare Zusammenhang von Himmel und Erde der Phantasie der Menschen und ihrer Erlösungshoffnung unerschöpfliche Nahrung gegeben.Leider sind noch keine Bewertungen vorhanden. Seien Sie der Erste, der das Produkt bewertet.
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